Praxistest · Werkzeuge
Codebase verstehen in 44 Minuten:
Knowledge-Graph mit Understand-Anything
Wie ein OSS-Plugin den Refactor-Einstieg beschleunigt — Praxistest auf ppl-enhancer mit 182 Source-Files.
Laufzeit auf einem mittelgroßen Projekt
Vollständiger Lauf inklusive Wissens-Extraktion und Lese-Tour. Das Projekt hatte rund 180 Quellcode-Dateien in drei Programmiersprachen.
Statt zwei Tage Lesezeit am Anfang
Das Plugin liefert eine durchsuchbare Übersicht des Codes — wer hängt mit wem zusammen, was gehört in welche Schicht, wo liegen die dicken Knoten.
MIT-Lizenz, läuft auf eigener Hardware
Kein Cloud-Zwang, kein Vendor-Lock. Wer Kundencode hat, der das Haus nicht verlassen darf, kann das Plugin auf einem isolierten Rechner einsetzen.
Das Orientierungs-Problem
Eine fremde Codebase kostet zwei bis drei Tage Lesen — bevor irgendetwas passiert
Wer in eine fremde oder lange nicht angefasste Software einsteigen muss, kennt das Muster: am Anfang sucht man sich Hypothesen zusammen, zieht falsche Schlüsse, korrigiert, sucht weiter. Erst nach zwei bis drei Tagen ist klar, was wo passiert und an welchen Stellen man besser nichts anfasst. Vorher ist jede Änderung Glücksspiel.
Das ist nicht nur lästig. Es ist teuer. Ein erfahrener Entwickler kostet pro Tag drei- bis vierstellig — und die ersten zwei Tage in einem fremden Projekt sind reines Verstehen, kein Liefern. Bei kleinen Tools fällt das nicht auf. Bei einem Projekt mit über 150 Quellcode-Dateien in mehreren Sprachen — was im Berufsalltag eher die Regel als die Ausnahme ist — wird das spürbar.
Im Mai 2026 habe ich ein Open-Source-Werkzeug getestet, das diese Anlaufphase abkürzt: Understand-Anything von Entwickler Lum1104, veröffentlicht unter der freizügigen MIT-Lizenz. Das Werkzeug ist als Plugin für Anthropics Programmierassistenten Claude Code gebaut. Es scannt einen Quellcode-Ordner, lässt mehrere KI-Helfer parallel die Bedeutung der Dateien einordnen und liefert am Ende eine Art Stadtplan des Projekts: welche Datei welche aufruft, welche Schichten es gibt, wo die dicken Knotenpunkte liegen.
Mein Pilot lief auf einem realen Kundenprojekt — einer KI-gestützten Dokumentenanalyse, die ich für einen Mittelständler betreue. Python im Hintergrund, eine moderne Web-Oberfläche im Browser, rund 180 Quellcode-Dateien insgesamt. Nicht der größte, aber ein realistischer Fall.
Was nach 44 Minuten Rechenzeit rauskam, hat mich an einer Stelle tatsächlich überrascht — obwohl ich das Projekt seit Monaten kenne. Dazu gleich mehr. Dieser Bericht erklärt erst, was das Werkzeug eigentlich macht, dann was es im Pilot sichtbar gemacht hat, und am Ende die Frage, für wen sich der Aufwand lohnt.
Pilot in Stichworten
- Werkzeug: Understand-Anything (OSS, MIT)
- Läuft in: Claude Code, lokal
- Projekt: KI-Dokumentenanalyse, rund 180 Dateien
- Sprachen: Python plus eine Web-Oberfläche
- Laufzeit: 44 Minuten Ende zu Ende
- Ergebnis: Karte plus Lese-Tour, alles lokal abgelegt
Funktionsweise
Was das Werkzeug während dieser 44 Minuten tut
Im Grunde läuft eine kleine Fabrik. Zuerst inventarisiert ein Scanner alle Dateien des Projekts: welche Sprache, welche Größe, welche Verweise auf andere Dateien. Das dauert wenige Minuten und liefert eine Inhaltsliste, mit der die eigentliche Arbeit anfangen kann.
Danach bekommen mehrere spezialisierte KI-Helfer im Hintergrund jeweils ein Bündel von Dateien zugewiesen — und arbeiten parallel. Jeder Helfer beschreibt seinen Block in natürlicher Sprache: was tut diese Datei, welche Begriffe und Vorgänge tauchen darin auf, welche Verbindungen gibt es zu anderen Teilen des Projekts. Das ist der eigentlich rechenintensive Schritt und macht etwa die Hälfte der Gesamtzeit aus.
Wenn alle Helfer fertig sind, fügt ein weiterer Schritt die Einzelbeschreibungen zu einem Gesamtbild zusammen. Aus den parallel entstandenen Inseln wird ein zusammenhängendes Netz: Dateien als Knoten, ihre gegenseitigen Aufrufe als Verbindungen. Plus eine wichtige Zusatzleistung — das Werkzeug ordnet jede Datei einer von zehn fachlichen Schichten zu. Persistenz, Geschäftslogik, Oberfläche, Konfiguration und so weiter. In den meisten Projekten ist diese Schichten-Struktur nirgendwo explizit aufgeschrieben. Das Werkzeug rekonstruiert sie aus dem Code selbst.
Im letzten Schritt entsteht eine Lese-Tour: zwölf Schritte, in welcher Reihenfolge man die wichtigsten Stellen des Projekts anschauen sollte, wenn man neu einsteigt. Nicht alphabetisch, nicht nach Größe — sondern in einer didaktischen Reihenfolge, die das Werkzeug aus den vorigen Schritten ableitet. Das ist die für den Alltag praktischste Komponente.
Optional gibt es eine zweite Sicht obendrauf: einen sogenannten Domänen-Graph. Der zeigt nicht "welche Datei ruft welche", sondern "welche fachlichen Geschäftsabläufe durchziehen das Projekt". Bei meinem Pilot kam dabei eine Karte mit fünf Domänen und neun Geschäftsabläufen heraus — eine Sicht, die ein Geschäftsführer lesen kann, ohne Programmierer zu sein.
Drei Befunde aus dem Pilot
Was die Karte sichtbar gemacht hat — auch über ein bekanntes Projekt
Ich kenne das Projekt seit Monaten. Trotzdem haben drei Befunde aus der Karte mir etwas Neues gegeben. Nicht im Sinne von "das wusste ich nicht", sondern im Sinne von "das war diffus vermutet, jetzt ist es belegt und zeigbar".
Der erste Befund betrifft die Größe einzelner Dateien. Im Code-Alltag wird "lange Datei" oft mit "schlechte Datei" verwechselt. Das Werkzeug unterscheidet sauberer: eine Datei ist groß, weil sie an einer zentralen Stelle viel Verantwortung trägt — die typische Persistenz-Schicht, also der Bereich, der mit der Datenbank spricht. Anderswo ist eine Datei groß, weil dort über die Jahre Code eingeflossen ist, der eigentlich verteilt gehörte. Die Karte zeigt diesen Unterschied an der Form: ein zentraler Knoten mit vielen eingehenden Verbindungen ist gesund. Ein Knoten mit vielen ausgehenden Verbindungen ist verdächtig. Wer aufräumen will, hat damit eine erste Priorisierung.
Der zweite Befund hat mich tatsächlich überrascht. Im Projekt gibt es eine bewusst gesetzte Regel: bestimmte Hilfsfunktionen sollen nur an einer einzigen Stelle existieren und von dort aus wiederverwendet werden — nicht kopiert. Die Karte hat sichtbar gemacht, dass diese Regel im Code tatsächlich gelebt wird. Die Hilfsfunktionen tauchen an einer Stelle auf, und von dort gehen die Verweise an die richtigen Konsumenten. Ohne die Karte wäre das eine Hoffnung, gestützt auf Stichproben. Jetzt ist es ein Beleg, den man im Team-Gespräch zeigen kann.
Der dritte Befund ist ein konkretes Aufräum-Thema: eine bestimmte Datei im Frontend-Teil hat eine intern festgelegte Größen-Grenze überschritten. Das ist nicht dramatisch — aber es war ein Thema, das in der Tagesarbeit immer wieder verdrängt wurde. Die Karte hat es so deutlich markiert, dass es danach als konkretes Arbeitspaket im Backlog landete. Ohne Werkzeug hätte ich das gewusst, aber nicht so sauber vorzeigen können.
Dazu kam ein Nebeneffekt, der mich gefreut hat: ein größerer Umbau, der vor zwei Quartalen passiert war, ist auf der Karte als Erfolg sichtbar. Eine Datei, die vorher 3.400 Zeilen hatte, hat heute noch 1.200 — und die Karte zeigt die niedrigere Komplexität auch in der Form des Knotens. Wer einem Auftraggeber zeigen will, dass ein Refactor gewirkt hat, hat damit ein Argument, das nicht aus Bauchgefühl besteht.
Das eigentliche Geschenk ist nicht eine konkrete Erkenntnis. Es ist die Tatsache, dass eine geschriebene interne Spielregel — die in jedem ernsthaft betreuten Projekt existiert, oft als Datei im Repo — durch das Werkzeug sichtbar nachgeprüft werden kann. Hält sich der Code an die eigenen Regeln? Vorher: Stichproben-Hoffnung. Jetzt: ein Bild, das zeigt wo es greift und wo nicht.
Die Karte im Browser
Was am Ende auf dem Bildschirm steht
Nach dem Lauf öffnet das Werkzeug eine kleine Web-Oberfläche im eigenen Browser. Kein Cloud-Login, kein Konto, kein Speichern in fremden Rechenzentren — alles läuft auf dem Rechner, auf dem auch der Lauf stattgefunden hat. Die Karte selbst liegt als Datei im Projektverzeichnis und kann weitergegeben werden wie jede andere Datei.
Die wichtigste Ansicht ist die nach Schichten geordnete. Zehn fachliche Schichten, von der Konfiguration ganz unten bis zur Benutzeroberfläche ganz oben. Wer plant, was als nächstes angefasst wird, sieht hier auf einen Blick, wo der Eingriff sitzt und welche Schichten sonst noch berührt werden müssen. Im Team-Gespräch wird die Diskussion damit hörbar kürzer.
Direkt daneben liegt die Lese-Tour: zwölf nummerierte Schritte, in welcher Reihenfolge man die Stellen lesen sollte, wenn man neu einsteigt. Im Pilot war Schritt eins die zentrale Beschreibungsdatei des Projekts, Schritt zwei die Schnittstelle zwischen Backend und Oberfläche, Schritt zwölf ein Deep-Dive in den geschützten Kern, der nicht ohne Migrationsplan angefasst werden darf. Eine Reihenfolge, die man so auch handschriftlich entwerfen würde — wenn man die Zeit hätte, die man im Alltag selten hat.
Eine zweite Ansicht, die ich erwähnenswert finde, ist die fachliche Sicht: nicht "welche Datei ruft welche", sondern "welche Geschäftsabläufe gehen durch das Projekt". Im Pilot wurden fünf Domänen identifiziert — von der Daten-Aufnahme über die Bilderkennung bis zum Export. Das ist die Sicht, die man einem Geschäftsführer oder einem fachlichen Auftraggeber zeigen kann, ohne dass Programmierung erklärt werden muss. Das ist im Alltag selten — und entsprechend wertvoll.
Stolperfallen
Was beim Einrichten kostet — eine ehrliche Stunde
Das Werkzeug ist solide gebaut, aber drei Stolperfallen sind beim ersten Anlauf fast garantiert. Alle drei haben mit der Art zu tun, wie das Plugin sich in die Werkzeugkette einfügt — nichts, was die Anwendung selbst falsch macht, sondern Reibung an den Rändern.
Erstens: das Plugin braucht einen bestimmten Paketmanager der Web-Entwicklung. Wer mit dem Standard arbeitet, muss kurz nachinstallieren. Eine Zeile auf der Kommandozeile, danach ist es da. Zweitens: eine Konfigurationsdatei des Plugins muss vor dem ersten Start einmal angepasst werden, weil die mitgelieferten Werte nur Platzhalter sind. Wer das übersieht, bekommt eine Fehlermeldung, die nicht selbsterklärend ist. Drittens: bei sehr großen Projekten kann es passieren, dass das Werkzeug einzelne Dateien beim ersten Lauf übergeht. Es gibt einen Mechanismus zum Nachholen — man muss ihn nur kennen.
Wer das vorher weiß, ist nach einer Stunde produktiv. Wer es nicht weiß, verliert wahrscheinlich einen halben Vormittag. Die Doku im Plugin-Repo ist solide, aber nicht im Vordergrund — Hinweise zu den drei Punkten finden sich, man muss sie suchen. Mein Tipp: vor dem ersten Lauf einmal komplett die Installationsanweisungen durchgehen, dann ist die Stunde Investition planbar.
Wann lohnt es sich
Eine Faustregel — und für wen das Werkzeug wirklich etwas bringt
44 Minuten sind nicht wenig. Bei einem kleinen Tool mit 30 Dateien ist die Zeit besser direkt in das Lesen investiert. Bei einem gewachsenen Projekt mit 200 Dateien in mehreren Sprachen ist die Investition aber eindeutig kleiner als der erste Tag eigener Orientierung — und das Ergebnis bleibt liegen, wiederverwendbar.
Die Faustregel, die sich im Pilot herausgebildet hat: ab etwa 100 Dateien lohnt sich der Lauf. Plus eine wichtige Voraussetzung — das Projekt sollte irgendwo eine kurze schriftliche Beschreibung haben, was es überhaupt tut und welche internen Spielregeln gelten. Sonst findet das Werkzeug zwar Strukturen, aber keine Absichten. Eine schlanke README reicht; das Werkzeug liest sie mit und ordnet seine Befunde daran aus.
Und eine Erwartungs-Korrektur, die wichtig ist: das ist kein "Projekt verstehen in 44 Minuten". Es ist "in 44 Minuten zu der Karte kommen, mit der das Verstehen anfängt". Die Karte ersetzt nicht das Lesen. Sie sorgt dafür, dass man danach gezielt liest, statt blind zu suchen.
Lohnt sich — lohnt sich nicht
JA, der Lauf bringt etwas
- Codebase mit mehr als 100 Dateien
- Mehrere Sprachen oder Frameworks im selben Projekt
- Refactor, Übergabe oder Wieder-Einstieg nach Monaten Pause
- Neuer Kollege im Team — die Lese-Tour ist sein erster Tag
NEIN, Zeit besser anders investiert
- Kleine Tools mit unter 50 Dateien
- "Schnell mal verstehen" — 44 Minuten ist nicht schnell
- Code, den man schon im Kopf hat
- Wegwerf-Skripte und Experimente
Mein Eindruck nach dem Pilot: Das Werkzeug ist nicht das nächste große Ding für jedermann — es ist ein präzises Hilfsmittel für eine bestimmte Phase. Genau die Phase, in der ein Umbau, eine Übergabe oder eine Bewertung anstehen. Wer in dieser Phase ist, sollte die 44 Minuten investieren. Wer nicht, kann das Werkzeug getrost ignorieren — und sich merken, dass es existiert, wenn der Bedarf eines Tages entsteht.
Fazit
Ein präzises Werkzeug für eine bestimmte Phase
Understand-Anything beantwortet eine konkrete Frage: wie sieht dieses Projekt von oben aus, wenn ich noch nicht jede Datei gelesen habe? Und das überraschend zuverlässig. Die Karte und die Lese-Tour, die am Ende rauskommen, ersetzen kein Lesen — aber sie machen das Lesen gerichtet. Ein halber Tag eingespart, der sonst in stochastischem Suchen verloren ginge.
Drei Eigenschaften, die für den professionellen Einsatz ausschlaggebend sind: das Werkzeug läuft komplett lokal auf eigener Hardware. Es ist Open Source mit freizügiger Lizenz, kann also auch kommerziell ohne juristische Reibung eingesetzt werden. Und es ist auf einer Plattform (Claude Code) gebaut, die ohnehin in vielen Entwicklungs-Teams im Einsatz ist — es kommt also keine zweite Werkzeugkette hinzu.
Meine Praxis nach dem Pilot: für jedes neue Kundenprojekt, das ich übernehme, lasse ich das Werkzeug einmal drüberlaufen. Die 44 Minuten zahlen sich in der ersten Besprechung mit dem Auftraggeber zurück — wenn statt diffuser Schätzungen plötzlich eine geprüfte Karte auf dem Tisch liegt.
Eine fremde Software zu verstehen heißt nicht, sie auswendig zu können. Es heißt, in vertretbarer Zeit zu der Karte zu kommen, mit der sich entscheiden lässt, wo gelesen werden muss. Understand-Anything liefert genau diese Karte — nicht mehr, aber zuverlässig.
Quellen
Referenzen und weiterführende Links
Plugin und Installation
Kontext und Hintergrund
Refactor- oder Übergabe-Phase im Projekt?
Soll ich auch über Ihre Codebase eine Karte legen?
Ich übernehme den Plugin-Run, lese den Graphen mit Ihrem Tech Lead durch und liefere eine Refactor-Heuristik plus eine Onboarding-Tour als nachvollziehbares Dokument.